Kurz zusammengefasst: Die DIN 18009-2

Ziel des Brandschutzes ist die Sicherheit der Personen in Gebäuden. Ein Räumungskonzept muss optimal auf die individuellen Gegebenheiten vor Ort abgestimmt sein. Dafür werden Ingenieurmethoden verwendet, z.B. Räumungssimulationen, die den Ernstfall virtuell testen und Räumungsverläufe berechnen.

Räumungssimulationen werden insbesondere angewandt, wenn die bisherigen Gesetze und Normen keine Lösung bieten, z.B. bei Abweichungen von der Landesbauordnung oder Sonderbauvorschriften oder wenn Anlagen hinsichtlich des Brandschutzes optimiert werden sollen.

Um diese Berechnungen in Zukunft zu standardisieren und zur anerkannten Regel der Technik zu erheben, wird die Vorgehensweise für Räumungssimulationen in der DIN 18009-2 festgeschrieben. Sie baut auf der DIN 18009-1 auf, in der bereits die verschiedenen Ingenieurmethoden dargelegt wurden.

Wie geht das Deutsche Institut für Normung (DIN) vor?

"Normen entwickeln diejenigen, die sie später anwenden. Damit der Markt die Normen akzeptiert, sind eine breite Beteiligung, Transparenz und Konsens Grundprinzipien bei DIN." (www.din.de/de/ueber-normen-und-standards/basiswissen)

Normenreihe DIN 18009 Brandschutzingenieurmethoden

Die Vorgaben im Brandschutz sind in Deutschland sehr streng, und die Regeln und Vorgaben entsprechend umfangreich. Dass das notwendig ist, zeigt sich immer wieder – vom Brand im Düsseldorfer Flughafen in den 1990er Jahren bis hin zum Unglück im Grenfell Tower. Ergänzend zu den Vorgaben der länderspezifischen Bauordnungen werden immer mehr Normen zur schutzzielorientierten Nachweiserbringung entwickelt.

Ziel der Normierung im Rahmen einer DIN ist, dass technische Minimalanforderungen eingehalten und vergleichbar werden. Für den Brandschutz fasst die DIN 18009 die Brand­schutz­ingenieur­methoden als allgemein anerkannten Regeln der Technik zusammen. Hier wird standardisiert, wie alternative Nachweise für den Brandschutznachweis erbracht werden können, z.B. der Vergleich zwischen der notwendigen und der maximal verfügbaren Räumungszeit (RSET vs. ASET) oder die Vorgehensweise beim Nachweis von Feuerwiderstandsdauer von Bauteilen.

Worum geht es in der DIN 18009-2 zu Räumungssimulationen?

Die Norm wird nun um einen zweiten Teil zu Räumungsberechnungen erweitert und definiert das Vorgehen für einen leistungsbezogenen Nachweis: Auf Basis der Fragestellung werden maßgebliche  Räumungsszenarien definiert und die relevanten Schutzziele festgelegt. Diese werden anhand von vereinbarten Leistungskriterien ausgewertet. Zu den gängigsten Kriterien zählen die Räumungszeit sowie die Analyse von Stauungen, z.B. Stauzeit oder Staugröße.

Je nachdem, welche Leistungskriterien bewertet werden müssen, werden verschiedene Modelle der Räumungsberechnung empfohlen. Es wird unterschieden zwischen Personenstromsimulationen, Flussmodellen oder Handrechenverfahren. Dabei sind mikroskopische, raumkontinuierliche Modelle, wie z.B. unsere Software crowd:it, am aussagekräftigsten, da sie alle Anforderungen zur Bewertung und Visualisierung von Räumungsszenarien erfüllen.

Wozu Räumungssimulationen?

Mit einer Räumungssimulation können folgende Fragen beantwortet werden:

  • Wo befinden sich neuralgische Punkte, Engstellen und Bottlenecks?
  • Wie lange halten Staus an? Wie dehnen sie sich aus?
  • Welche organisatorischen oder baulichen Maßnahmen bringen eine Verbesserung des Räumungsverlaufs?

Der Vorteil von Simulationen gegenüber anderen Methoden: Die visuelle Aufbereitung in Form von Videos macht Engstellen und Staus sichtbar und dadurch nachvollziehbar für alle Beteiligten.

Vorgehensweise bei der DIN 18009-2

Die Vorgehensweise ist wie folgt: es werden die Schutzziele und deren spezifische Kriterien festgelegt; idealerweise werden diese gemeinsam mit der prüfenden Behörde definiert. Die Räumungsberechnungen wird auf diese Kriterien hin analysiert und ausgewertet (s. Wozu Räumungssimulationen). Werden die Schutzziele und deren Leistungskriterien erfüllt, kann die Planung freigegeben werden. Sollte dies nicht der Fall sein, muss die Planung überarbeitet werden und die Analyse noch einmal durchgeführt werden. Damit kann gewährleistet werden, dass alle Personen in einer gewünschten Zeit das Gebäude verlassen können.

Abbildung 1: Möglichkeiten bei der Absicherung des Brandschutzes - In Anlehnung an: BRANDSCHUTZINGENIEURME-THODEN – PRAKTISCHE ANWENDUNG DER DIN 18009, Georg Spennes, BFT Cognos GmbH, Aachen, FeuerTRUTZ Brand-schutzkongress 2018

Räumungssimulationen nach RiMEA

„Rechnergestützte Analyse von selbstständigen Personenbewegungen hin zum sicheren Ort, bei der jeder Agent (im Computer modellierte Person) individuelle Bewegungen anhand individueller Parameter, Fähigkeiten und/oder Verhaltenseinstellungen basierend auf rechnergestützten Algorithmen ausführt.

ANMERKUNG: Im Gegensatz zu Flussrechnungen (z. B. Predtetschenski & Milinski), die Personenströme wie Flüssigkeitsströme behandeln (=makroskopisch), wird in der mikroskopischen Entfluchtungsanalyse die Bewegung jeder einzelnen Person dargestellt. Dabei verfügt jede Person über individuelle Eigenschaften, die ihr Verhalten charakterisieren. Die mikroskopische Entfluchtungsanalyse liefert sowohl Aussagen zur Gesamtentfluchtungszeit als auch über Orte und Zeiten von Stauungen.“

Weiterführende Informationen

Sind Normen Pflicht?

Die Anwendung von DIN-Normen ist grundsätzlich freiwillig. Erst wenn Normen zum Inhalt von Verträgen werden oder wenn der Gesetzgeber ihre Einhaltung zwingend vorschreibt, werden Normen bindend.

Was kommt auf mich zu?

Es muss auch in Zukunft nicht jedes Gebäude simuliert werden. In gewissen Fällen kann aber ein Räumungssimulation von behördlicher Seite gefordert und als Nachweis anerkannt werden.

Ab wann tritt sie in Kraft?

Voraussichtlich Ende 2021. Das Einspruchsverfahren endet am 21.09.2021

Literatur und weiterführende Links

Feuertrutz: Akzeptanz von Ingenieurmethoden Teil 1 und Teil 2 
Brandschutzkongress 2016: BFT Cognos GmbH: Akzeptanz von Brandschutzingenieurmethoden
BTF Cognos GmbH: Brandschutzingenieurmehtoden - praktische Anwendung der DIN 18009
vfdb: Leitfaden Ingenieurmethoden des Brandschutzes
RiMEA: Richtlinie für Mikroskopische Entfluchtungsanalysen
Seyfried, A.; Jäger, G.; Kitzlinger, M.; Schröder, B.: Normierung von Personenstromsimulationen in DIN 18009-2; Braunschweiger Brandschutz-Tage 2015. Tagungsband