Nach einer kleinen Pause freuen wir uns auf einen weiteren Beitrag in unserer Reihe “blog:it”! Unser Software Entwickler Benjamin Degenhart erzählt über seinen Weg zu accu:rate, sein Interesse an Simulationen im Allgemeinen und wie sich Personenstromsimulationen in Zukunft noch weiterentwickeln können.

Wie bist du zu accu:rate gekommen und wie lange arbeitest du schon dort?

Zu accu:rate bin ich durch Angelika Kneidl gekommen, da wir zusammen an einem Projekt in der Hochschule München gearbeitet haben. Zu diesem Zeitpunkt habe ich bei Prof. Dr. Gerta Köster studiert und auch in ihrem Vadere Team gearbeitet. Ich habe im Winter 2014 auf 2015 meine Bachelorarbeit bei accu:rate unter der Betreuung von Florian Sesser und Frau Köster geschrieben. Das ganze lief dann bis Februar, ab März 2015 hab ich dann als Werkstudent bei accu:rate angefangen. Ich bin also schon seit mehr als zweieinhalb Jahren dabei.

 

Was findest Du an Simulationen interessant? Was hat dich dazu bewegt in diesem Themenbereich deine Bachelorarbeit zu schreiben?

Das Interesse an Simulationen an sich kam erst mit der Zeit, ich habe also nicht aktiv nach einem Unternehmen gesucht, was mit Simulationen zu tun hat.

„besonders der Butterfly-Effect hat es mir angetan“

Lorenz Attraktor . Quelle: “Lorenz system” von Wikimol. Lizenz: CC0 1.0

Wenn ich in der Hinsicht auf mein Leben zurückschaue, wird mir aber einiges klar. Ich habe in meiner Teenagerphase angefangen, Fraktale zu programmieren, und fand alles in der Hinsicht total spannend, besonders der Butterfly-Effect hat es mir angetan. Also dass ein Flügelschlag hier einen Wirbelsturm dort auslöst. Das Prinzip kommt aus einer der ersten Wettersimulationen, bei welcher der Erfinder ein Modell aufgestellt hat und über Tage auf alten Computern rechnen hat lassen. Dann hat er einen Parameter um eine Nachkommastelle geändert, was bezüglich der Auswirkung die Stärke eines Flügelschlags eines Schmetterlings ausmacht- daher auch der Name. Er hat dann die Simulation wieder tagelang rechnen lassen. Zunächst ist sie wie die vorherige abgelaufen, auf einmal  hat sich aber schlagartig alles geändert. Es hat mich so fasziniert, dass ein kleiner Faktor alles beeinflussen kann, dass ich den Lorenz-Attraktor, quasi eine Mini-Version des Butterfly-Effects in 3D mit Delphi nachprogrammiert habe. In diesem spielen zwei Spiralen in Wechselwirkung zusammen. Je nachdem, wie die Parameter verändert werden, ändert sich auch die Bewegung der Spiralen im Attraktor. Dabei habe ich den Laptop meiner Mama öfters zum Abstürzen gebracht, da der Code für ihn zu anstrengend war (lacht).

„die Vorstellung die Pause-Taste drücken zu können“

Diese Zeit hat auf jeden Fall mein Interesse für Simulationen geweckt. In meinem Blogbeitrag habe ich bereits erwähnt, dass mich die Vorstellung, die Pause-Taste drücken zu können, sehr fasziniert. Ich habe bereits früher mit meinem Papa viel philosophische Ansätze besprochen und fand es damals schon grausam, dass, egal was für Entscheidungen getroffen werden, diese nicht mehr rückgängig gemacht werden können. Auch dass der Faktor Zeit nicht beeinflussbar ist. Bei Simulationen ist das ja möglich. Ich kann eine Situation im virtuellen Raum von allen Seiten betrachten und verschiedene Szenarien durchspielen und diese zu jedem Zeitpunkt anhalten. Deshalb kann es in der realen Welt anschließend einfacher sein, Entscheidungen zu treffen, da ich ja durch die Simulation schon in etwa abschätzen kann, wie der Ablauf der Situation ausgeht. Außerdem kann man natürlich auch schauen, wie die Situation bei extremen Bedingungen abläuft – unter anderem wann das Konzept nicht mehr funktioniert und durch die Decke geht. Wenn ich bestimmte Parameter verändere, beispielsweise wenn ich verschiedene Notausgänge bei einer Entfluchtungssimulation blockiere, ändert sich natürlich auch die Simulation.
Gleich in meiner ersten Mastervorlesung hat ein Professor ein Drei-Säulen-Modell aufgeführt, welches die Simulation als Brücke zwischen Theorie und Praxis graphisch darstellt.
In meinem Studiengang Computional Science and Engineering geht es ja auch darum, wie Simulationen in verschiedene Fachbereiche mit einfließen. In der Hinsicht bildet das ganze einen ganz neuen Wissenschaftsbereich, von dem alle profitieren.

 

Wie realitätsnah sind Personenstromsimulationen aus deiner Sicht?

Auf jeden Fall so sehr wie momentan möglich, wir halten uns ja bei unseren Simulationen auch an wissenschaftliche Vorgaben, zum Beispiel die RiMEA Richtlinien, welche den Aufbau eines Simulationsmodells vorgeben. Die Ergebnisse sollen ja auch realitätsnah sein.
Andererseits muss man das ganze natürlich auch rückkoppeln und die andere Seite betrachten. Letztes Jahr haben wir das Ganze mit der TH Nürnberg umgedreht. Wir haben ein Gebäude aufgrund eines Simulationsszenarios geräumt und die Ergebnisse anschließend ausgewertet. Die Ergebnisse haben nur minimale Abweichungen aufgezeigt. Das ist wichtig, um so nah wie möglich an die Realität ranzukommen.

 

Wie schätzt du die Bedeutung von Personenstromsimulationen momentan und in Zukunft ein?

Diese Einschätzung ist natürlich sehr politisch und zeitgeistlich orientiert. Ich finde wir sind reif dafür, das Thema auch in andere Gebiete zu übertragen, weil es einfach bessere Antworten und Einschätzungen liefert als starre Vorgaben wie Brandschutzregeln.

„Die Tendenz, dass solche Vorschriften für Planungsprozesse auch in Deutschland Gesetz werden ist auf jeden Fall denkbar.“

Die gibt es natürlich auch weiterhin und sind auch sehr wichtig, aber die Möglichkeit, eine Situation zum Leben zu erwecken und überprüfen zu können, bietet viele Chancen. Angelika ist sich in der Hinsicht auch sehr sicher, dass in den nächsten Jahren auf jeden Fall Vorgaben und Gesetze zu Personenstromsimulationen erlassen  werden, wie es bereits welche in England für U-Bahn-Stationen gibt. Die Tendenz, dass solche Vorschriften für Planungsprozesse auch in Deutschland rechtlich verankert werden, ist auf jeden Fall denkbar. Ich finde es sehr spannend in dieser Hinsicht dabei sein zu können. Einen anderen Faktor spielt in diesem Zusammenhang sicher auch BIM, ein mächtiges Zugpferd, bei welchem verschiedene Dimensionen wie Kosten etc. in einem Modell zusammengefasst werden.

 

 

Titelfoto: James Osborne via Pixabay. Lizenz: CC0 1.0